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Olaf Wilmsmeier über Standards zwischen Technik und Politik

Technische Standardisierung ist für Markt und Verbraucher unverzichtbar, erfordert jedoch eine sorgfältige Balance zwischen technischer Qualität und politischer Einflussnahme.

  • Veröffentlicht: 23. Februar 2026
  • Lesezeit: 6 min
  • Von: Olaf Wilmsmeier
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Olaf Wilmsmeier über Standards zwischen Technik und Politik
Olaf Wilmsmeier beschreibt, warum Standards für Auto-ID entscheidend sind – und warnt davor, dass Lobbyismus und politische Interessen technisch sinnvolle Standards verwässern können. Quelle: Olaf Wilmsmeier
  • Standards sind essenziell für technische Interoperabilität und Marktdurchdringung in der Auto-ID-Branche.
  • Politische Regelungen beeinflussen zunehmend die Entwicklung von Standards, was die Komplexität und Zeitdruck in Standardisierungsprozessen erhöht.
  • Lobbyismus und Unternehmenspolitik können die technische Qualität von Standards beeinträchtigen.
  • Aktive Mitwirkung europäischer Firmen in Standardisierungsgremien schützt eigene Interessen gegenüber internationalen Anforderungen.

Ein Kommentar von Olaf Wilmsmeier, Gründer und Inhaber von Wilmsmeier Solutions und Experte für AIDC/Auto-ID sowie europäische Standardisierung.

Standardisierung ist wichtig – keine Frage! Ohne Standards wäre vieles in unserem Alltag nicht möglich. Denken wir nur an den Barcode oder – aktueller – den einheitlichen USB-C-Steckverbinder für unsere Smartphones. Beim Thema Auto-ID sind Standards essentiell: Ohne Standards keine Marktdurchdringung, keine erfolgreiche Verbreitung und keine Interoperabilität.

Aktuell entstehen viele Standards, die die europäische, aber auch die weltweite Wirtschaft in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen werden. Standards sind also nicht nur technisch motiviert, sondern werden auch von der Politik zunehmend eingefordert. Wie viel Politik steckt also in Standards – und ist das technisch immer gut?

Warum Standards so wichtig sind

Beim Thema Standardisierung fallen jedem von uns sicherlich zahlreiche positive Beispiele ein. Wie eingangs erwähnt, bin ich fest davon überzeugt, dass Standards sinnvoll sind. Ich selbst bin in vielen Standardisierungsgremien aktiv und engagiere mich insbesondere bei der Erstellung und Pflege von Standards, die die AIDC-Branche (Automatic Identification and Data Capture) betreffen.

Standards können von Wirtschaftsunternehmen, Konsortien oder Verbänden vorangetrieben werden – häufig technisch motiviert. Denn standardisierte Lösungen ermöglichen oft erst die signifikante Marktdurchdringung einer Lösung. Zudem werden die erarbeiteten Ergebnisse durch Standards bis zu einem gewissen Grad auch „geschützt“.

Standards sind auch Unternehmenspolitik

Daraus ergibt sich zwangsläufig: Mit Standards wird auch Unternehmenspolitik gemacht. Wer einen Standard setzt, der genau zum eigenen Produkt oder zur eigenen Lösung passt, hat einen Vorteil. Diese Erkenntnis ist nicht neu – dessen bin ich mir bewusst.

Die Frage ist jedoch: Wie viel Politik ist noch gut für technisch sinnvolle und gute Standards? Ich erkenne zunehmend, dass Standards bewusst für Lobbyismus genutzt werden – zum Beispiel, um Begrifflichkeiten zu prägen.

Wenn Regulierung Standards treibt

Neben industriegetriebenen Standards entstehen viele Standards auch auf Grundlage neuer politischer Regularien. Die Cybersecurity-Erweiterung der RED zur Verbesserung der Cybersicherheit von internetfähigen Funkgeräten, der Cyber Resilience Act (Cybersicherheit für alle Produkte mit digitalen Elementen) sowie der Digitale Produktpass (DPP) sind nur drei Beispiele europäischer Rechtsakte, die die europäische Wirtschaft in den letzten Monaten und in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen werden.

Produkthersteller und Inverkehrbringer von Produkten für den Wirtschaftsraum der Europäischen Union müssen diese neuen Vorgaben erfüllen. Damit Hersteller wissen, wie geprüft und umgesetzt werden soll, vergibt die EU-Kommission Aufträge an die Standardisierungsgremien ETSI sowie CEN/CENELEC. Es entstehen (teilweise harmonisierte) Standards, die der Industrie helfen, die Konformität – also die Einhaltung der EU-Bestimmungen – nachzuweisen.

Im Einsatz
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Komplexität trifft Zeitdruck

Die EU-Kommission hat oft sehr gute Gründe, solche neuen Regularien auf den Weg zu bringen – Gründe, die ich grundsätzlich unterstütze. Beispielsweise sollen der europäische Wirtschaftsraum und Verbraucherinnen und Verbraucher geschützt werden. Beim Thema Cybersicherheit ist das unmittelbar nachvollziehbar.

Oft sind die Vorhaben jedoch sehr komplex. Gleichzeitig steht die Erstellung der zugehörigen Standards, die der Industrie helfen sollen, die neuen Regularien möglichst selbstständig und rechtssicher umzusetzen, unter großem Zeitdruck. Komplexität in Kombination mit Zeitdruck fordert die Akteure in den Standardisierungsgruppen auf ganzer Linie.

Hinzu kommt: Politische Zielsetzungen, die nicht immer zu den tatsächlichen technischen Anforderungen passen, müssen in Einklang gebracht werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass Vorgaben der EU-Kommission auch politisch motiviert sind.

Bei komplexen Vorhaben wie Cybersicherheit, Umweltschutz und Kreislaufwirtschaft finden sich in den Vorgaben teilweise widersprüchliche Anforderungen oder Rahmenbedingungen, die den eigentlichen Interessen der EU entgegenlaufen – zumindest aus meiner Sicht.

Beispiel DPP: Nutzerfreundlich – aber mit Nebenwirkungen?

Beim DPP ist ein wichtiger Punkt aus Sicht der EU-Kommission, dass die Interaktion von Verbraucherinnen und Verbrauchern mit digitalen Produktdaten einfach möglich ist. Es sollen keine Hürden wie Registrierungen zum Abrufen digitaler Produktinformationen aufgebaut werden. Das ist eine sinnvolle Forderung.

Wird dies jedoch so ausgelegt, dass Identifikationstechnologien bevorzugt werden, die bereits Basisbestandteil von Smartphone-Betriebssystemen sind, birgt das Nachteile – bis hin zu Abhängigkeiten von Großkonzernen mit Hauptsitz außerhalb der EU. Wozu eine solche Abhängigkeit führen kann, zeigen die jüngsten Probleme mit Googles ML Kit, das Barcodes nicht standardkonform interpretiert bzw. interpretiert hat.

Mit solchen Anforderungen begibt man sich in die Abhängigkeit einzelner Firmen – was weder einen echten Mehrwert für Verbraucher darstellt noch technisch sinnvoll ist.

Beispiel Identifier: Einschränkungen können Praxisprobleme schaffen

Gerade beim DPP wird sich zeigen – sobald die Verordnungen mit den Vorgaben der EU-Kommission zu den einzelnen Produktgruppen vorliegen –, ob auch die technisch sinnvollen und notwendigen Daten als Teil des DPP erfasst und gepflegt werden.

Auch beim Thema Identifier ist es wünschenswert, dass für jede Produktgruppe die gesamte Bandbreite der von CEN/CENELEC erarbeiteten Standards zulässig ist. Die bereits veröffentlichte neue Batterieverordnung macht hier mit der Referenz auf QR-Codes starke Einschränkungen.

In der Praxis wird sich zeigen, inwieweit dies negative Folgen für die Umsetzung echter Kreislaufwirtschaft haben wird – was ja das eigentliche Ziel des DPP ist. Ob ein QR-Code wirklich die geeignetste Technologie ist, um Batterien in industriellen Wiederverwertungsbetrieben zu identifizieren, wird die Zeit zeigen.

Selbstverständlich ist eine zusätzliche Batteriekennzeichnung mit weiteren AIDC-Technologien, beispielsweise UHF-RFID, nicht verboten.

Standardisierung bleibt unverzichtbar

Allen Herausforderungen zum Trotz bleibe ich bei meinem Eingangsstatement: Standardisierung ist wichtig – und richtig! Ja, es muss immer hinterfragt werden, ob Anforderungen und Umsetzung zielführend sind. Auch die Industrie muss in den Standardisierungsgruppen darauf achten, dass Firmenpolitik und Lobbyismus nicht überhandnehmen.

Alles in allem habe ich jedoch festgestellt, dass in der Standardisierung sehr engagierte Spezialistinnen, Spezialisten und Kolleginnen und Kollegen mitwirken, die stets bemüht sind, sinnvolle und möglichst fehlerfreie Standards zu erstellen. Vielen Dank an alle Mitwirkenden! Ich freue mich, dass ich meinen Teil in den Arbeitsgruppen dazu beitragen kann.

Mitmachen lohnt sich

Deutsche, aber auch europäische Firmen sind gut beraten, sich wieder stärker in der Standardisierung zu engagieren. Denn wie eingangs erwähnt, schützt dies auch die eigenen Interessen.

Andernfalls darf sich niemand wundern – oder gar beschweren –, wenn in Zukunft, gerade bei internationalen Standards, mehr und mehr die Handschrift anderer Staaten und Regionen zu erkennen ist.

Mitmachen lohnt sich!

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