Digitaler Produktpass 2026: Standards bringen den DPP in die Praxis

Der Digitale Produktpass etabliert eine standardisierte, technische Infrastruktur zur eindeutigen Produktidentifikation und Datennutzung über den gesamten Produktlebenszyklus und fördert so Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft.

  • Veröffentlicht: 24. September 2026
  • Lesezeit: 10 min
  • Von: Olaf Wilmsmeier
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Digitaler Produktpass 2026: EU-Standards schaffen die Grundlage für die eindeutige Produktidentifikation und den Datenaustausch entlang der Wertschöpfungskette bis zum Recycling. Quelle: Think WIoT
  • Seit Juli 2026 ist das EU-Register für den Digitalen Produktpass mit Testumgebung in Betrieb.
  • Der DPP nutzt standardisierte Identifikationsschemata und verschiedene Datenzugangsmedien wie QR-Codes, NFC und RAIN RFID.
  • Die Batterieverordnung schreibt ab Februar 2027 verbindlich den Batteriepass mit QR-Code vor als ersten großen Praxistest.
  • Die technische Infrastruktur sichert eine dezentralisierte Datenhaltung bei zentraler eindeutiger Produktregistrierung.

Beim Digitalen Produktpass wird es konkret: Seit Juli 2026 ist das DPP-Register der EU in Betrieb, zentrale europäische Standards sind veröffentlicht und auch die internationale Normung nimmt Fahrt auf. Für die Industrie stellt sich damit immer weniger die Frage, ob der DPP kommt. Interessanter ist: Was ist heute bereits festgelegt, was lässt sich technisch umsetzen und was ist weiterhin offen?

Gastbeitrag von Olaf Wilmsmeier, Wilmsmeier Solutions

Beim DPP hat sich 2026 viel bewegt

Für die Ziele der Europäischen Ökodesign-Verordnung, der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (EU) 2024/1781, spielt der Digitale Produktpass, kurz DPP, eine zentrale Rolle.

Die Idee dahinter ist schnell erklärt: Produkte und Rohstoffe sollen möglichst lange genutzt, wiederverwendet und am Ende besser recycelt werden können. Dafür müssen Informationen über ein Produkt über seinen Lebenszyklus hinweg verfügbar bleiben.

Lange wurde über den DPP vor allem als zukünftiges Konzept gesprochen. Inzwischen wird es konkreter. Am 20. Juli 2026 hat die Europäische Kommission das digitale Produktpassregister der EU, kurz DPP-Register, einschließlich einer Testumgebung in Betrieb genommen. Gleichzeitig sind wichtige europäische Standards veröffentlicht.

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Europäische Kommission startet DPP-Register und Testumgebung

Die Europäische Kommission startet das DPP-Register mit Testumgebung, Leitfaden und Helpdesk für Digitale Produktpässe in der EU.

Und auch international bewegt sich etwas. Anfang September kamen in Berlin Experten zur ersten Sitzung des ISO/IEC JTC 5 „Digital Product Passport“ zusammen.

Ist der DPP damit fertig definiert? Nein. Gerade für einzelne Produktgruppen fehlen weiterhin wichtige Vorgaben. Aber die technische Richtung wird deutlich klarer.

Mehr als ein QR-Code auf eine Produktseite

Ein physisches Produkt, beispielsweise eine Batterie, ein Möbelstück oder später vielleicht ein Textil, muss eindeutig mit seinen digitalen Informationen verbunden werden. Dafür erhält es eine maschinenlesbare Kennung.

Nein, beim DPP bedeutet dies eben nicht einfach, dass ein QR-Code auf irgendeine Webseite des Herstellers verweist, auf der ein Datenblatt liegt.

Damit unterschiedliche Unternehmen und Systeme miteinander arbeiten können, müssen standardisierte Vorgaben erfüllt werden. Dazu gehören eindeutige Identifier, definierte Schnittstellen und Datenformate, Regeln für die Datenhaltung sowie Zugriffs- und Sicherheitskonzepte.

Denn auch hier wird es schnell komplex: Ein Endkunde benötigt andere Informationen als ein Recyclingunternehmen. Ein Hersteller kann wiederum Zugriff auf Daten benötigen, die nicht öffentlich sein sollen.

Genau deshalb ist der DPP wesentlich mehr als eine digitale Produktseite.

Das DPP-Register der EU ist in Betrieb

Das neue DPP-Register der EU darf dabei nicht mit einer zentralen Datenbank verwechselt werden, in der sämtliche Produktinformationen gespeichert werden.

Die eigentlichen Produktdaten werden grundsätzlich dezentral bereitgestellt. Im Register werden insbesondere eindeutige Produktkennungen und notwendige Metadaten erfasst. So können Digitale Produktpässe eindeutig registriert und zugeordnet werden.

Das klingt zunächst nach einem technischen Detail. Für eine europaweit funktionierende DPP-Infrastruktur ist genau diese eindeutige Zuordnung aber entscheidend.

Die technischen Standards stehen zunehmend fest

CEN, das Europäische Komitee für Normung, und CENELEC, das Europäische Komitee für elektrotechnische Normung, haben mit JTC 24 ein gemeinsames technisches Komitee für die Standardisierung der DPP-Infrastruktur eingerichtet.

Die dort erarbeiteten Standards betreffen eindeutige Identifier, Datenträger, Datenaustausch, Datenspeicherung, APIs und die Interoperabilität zwischen Systemen.

Dazu gehören:

  • EN 18219 – eindeutige Kennungen

  • EN 18220 – Datenträger

  • EN 18216 – Datenaustauschprotokolle

  • EN 18221 – Datenspeicherung, Archivierung und Datenpersistenz

  • EN 18222 – APIs für Verwaltung und Auffindbarkeit von Produktpässen

  • EN 18223 – Systeminteroperabilität

Hinzu kommen Standards für Zugriffsrechte, Informationssicherheit sowie Authentizität und Integrität von Daten.

Spätestens an dieser Liste sieht man: Der DPP besteht eben nicht nur aus einer Kennzeichnung am Produkt. Dahinter steht eine komplette Dateninfrastruktur.

Fünf Wege zur eindeutigen Produktidentifikation

Die eindeutige Identifikation eines physischen Produkts ist eine wesentliche Voraussetzung für den Digitalen Produktpass. Erst dadurch lassen sich Produktinformationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zuverlässig zuordnen und zwischen Herstellern, Nutzern, Serviceunternehmen und Recyclingbetrieben austauschen.

EN 18219 definiert dafür fünf unterschiedliche ID-Schemata mit insgesamt acht Varianten. Sie unterscheiden sich darin, wie eine Produktkennung aufgebaut, verwaltet und mit den zugehörigen digitalen Informationen verknüpft wird. Ein Unternehmen ist also nicht zwangsläufig auf ein einziges Identifikationssystem festgelegt.

Die folgende Tabelle zeigt die fünf zulässigen ID-Schemata und die entsprechenden Standards.

ID-Schema

Einfach erklärt

Varianten / Standard

1. Webbasierte Produktkennung

Die Produkt-ID steckt in einer standardisierten Webadresse. Über diese Adresse lassen sich die digitalen Informationen finden.

GS1 Digital Link; AutoID URL 1.3

2. Identification Link

Eine eindeutige Objektkennung wird über einen standardisierten Link mit den digitalen Informationen des Produkts verbunden.

EN IEC 61406-1; EN IEC 61406-2

3. Decentralized Identifier

Die Produktkennung kann dezentral verwaltet werden und ist nicht zwingend an eine zentrale Registrierungsstelle gebunden.

DID v1.0:2022

4. RFID- oder 2D-basierte Identifikation

Die Produktkennung wird nach ISO/IEC-Standards für RFID oder 2D-Codes (QR-Code, DataMatrix) codiert.

RFID: ISO/IEC 15961, 15962, 17360, 20248; 2D: ISO/IEC 17360, 20248, 15434

5. Digital Object Identifier

Das Produkt erhält eine dauerhafte digitale Kennung aus dem DOI-System.

ISO 26324

Die fünf Schemata verfolgen also dasselbe Ziel: Ein physisches Produkt eindeutig identifizieren und mit seinen digitalen Informationen verknüpfen.

Erst im nächsten Schritt stellt sich die Frage, wie diese Kennung am Produkt bereitgestellt und ausgelesen wird. Dafür kommen beispielsweise QR-Code, NFC oder UHF RFID beziehungsweise RAIN RFID infrage.

QR-Code, NFC und UHF RFID: Wie der DPP am Produkt zugänglich wird

Ist die Identität definiert, kommt die nächste Frage: Wie gelangt sie auf das Produkt und wie wird sie wieder ausgelesen?

Hier setzt EN 18220 zu den Datenträgern an. Möglich sind unter anderem QR- und DataMatrix-Codes, HF RFID beziehungsweise NFC sowie UHF RFID, häufig auch als RAIN RFID bezeichnet.

Ein 2D-Code ist günstig und einfach. Er kann gedruckt und mit einem Smartphone oder Scanner gelesen werden. Für den Endkunden ist das wahrscheinlich häufig der naheliegendste Weg. Allerdings braucht man Sichtkontakt zum Code.

Bei NFC reicht es, ein Smartphone oder Lesegerät nahe an den Tag zu bringen. Auch hier ist die Bedienung für den Anwender sehr einfach.

Aus industrieller Sicht wird UHF RFID beziehungsweise RAIN RFID besonders interessant. Die Kennung wird per Funk ausgelesen. Eine Sichtlinie ist nicht notwendig und Schmutz oder kleinere Beschädigungen der Oberfläche wirken sich wesentlich weniger aus als bei optischen Kennzeichnungen.

Noch wichtiger ist aber die Pulkerfassung. Mit UHF RFID können mehrere gekennzeichnete Produkte gleichzeitig und über größere Entfernungen erfasst werden.

Warum ist das für den DPP interessant?

Denken wir beispielsweise an einen automatisierten Recyclingbetrieb. Dort möchte niemand jeden Gegenstand einzeln drehen, einen QR-Code suchen und anschließend scannen. UHF RFID kann Produktkennungen automatisch erfassen und damit den Zugriff auf die zugehörigen Informationen anstoßen.

Bei einigen Produkten ist diese Technologie ohnehin bereits etabliert, beispielsweise bei Autoreifen.

Interessant wird in diesem Zusammenhang auch der neue Lookup Service des AIM-Verbandes unter item-id.org. Wird beispielsweise eine Produktkennung nach ISO/IEC 15459 über UHF RFID beziehungsweise RAIN RFID ausgelesen, muss anschließend noch der Weg zu den dazugehörigen digitalen Informationen gefunden werden. Genau hier setzt der Lookup Service an: Er erkennt anhand der Kennung, über welche Vergabestelle sie ausgegeben wurde, ordnet sie dem entsprechenden Unternehmen zu und kann auf den zuständigen Informations- oder Resolverdienst verweisen.

Der Service ist dabei nicht auf RFID beschränkt. Die gleiche Kennung kann beispielsweise auch über einen 2D-Code ausgelesen werden. Bei RAIN RFID liegt der besondere Vorteil darin, dass solche Kennungen automatisiert und auch in größeren Stückzahlen erfasst werden können. Für DPP-Anwendungen kann so aus der automatischen Identifikation eines physischen Produktes unmittelbar der Zugang zu seinen digitalen Informationen entstehen.

Selbstverständlich können Technologien auch kombiniert werden. Ein Produkt kann beispielsweise einen 2D-Code für den Endkunden und zusätzlich einen RAIN-RFID-Transponder für automatisierte Prozesse tragen.

Der DPP kann über den Produktlebenszyklus wachsen

Mit Identifikation und Datenträger ist zunächst nur der Zugang geschaffen. Spannend wird, welche Informationen während des Produktlebens hinzukommen.

Bei einer Batterie kann beispielsweise interessant sein, wie oft sie geladen und entladen wurde oder unter welchen Bedingungen sie betrieben wurde. Solche Daten können später entscheidend sein, wenn bewertet werden soll, ob eine Batterie oder einzelne Zellen weiterverwendet werden können.

Damit stoßen wir allerdings auf die nächste Herausforderung.

Wenn mehrere voneinander unabhängige Unternehmen über Jahre Daten lesen, ergänzen und weiterverarbeiten sollen, genügt eine funktionierende Schnittstelle nicht. Auch die Daten selbst müssen eindeutig definiert sein.

Eine Zahl allein hilft wenig, wenn der Empfänger nicht weiß, in welcher Einheit sie angegeben wurde, unter welchen Bedingungen sie entstanden ist oder was sie genau beschreibt. Im Idealfall werden deshalb Metainformationen direkt mit übertragen.

Der Batteriepass wird zum ersten großen Praxistest

Bei Batterien wird es jetzt konkret.

Nach der europäischen Batterieverordnung (EU) 2023/1542 benötigt ab dem 18. Februar 2027 jede LMT-Batterie (Batterien für Light Means of Transport, z.B. für E-Bikes und E-Scooter), jede Industriebatterie mit einer Kapazität von mehr als 2 kWh und jede Elektrofahrzeugbatterie einen Batteriepass.

Die EU-Batterieverordnung schreibt für den Batteriepass zunächst den QR-Code als verbindlichen Zugang vor. Ab dem 18. Februar 2027 muss er bei den betroffenen Batterien mit der individuellen Kennung verknüpft sein und zum Batteriepass führen. Andere Technologien sind damit jedoch nicht grundsätzlich ausgeschlossen: Die Verordnung sieht ausdrücklich vor, künftig alternative oder zusätzliche Smart Labels zuzulassen. Damit wird der Batteriepass zum ersten großen Praxistest für die DPP-Infrastruktur.

Für Batterien ist inzwischen vergleichsweise genau beschrieben, welche Informationen enthalten sein sollen. Meiner Meinung nach sind einige Vorgaben der EU trotzdem noch nicht präzise genug.

Gerade wenn unterschiedliche Unternehmen Daten automatisiert austauschen sollen, müssen Schnittstellen, Datenstrukturen und die Bedeutung einzelner Datenfelder eindeutig sein. Ob das in der Praxis überall reibungslos funktioniert, wird sich zeigen.

Für weitere Branchen fehlen noch Details

Bei anderen Produktgruppen sind wir noch nicht so weit.

Für Textilien, Möbel oder Stahl fehlen teilweise die produktspezifischen Vorgaben, aus denen hervorgeht, welche Daten tatsächlich Bestandteil des DPP werden und wann die Verpflichtungen greifen.

Das bedeutet aber nicht, dass Unternehmen heute noch nichts tun können. Die technische Basis wird zunehmend sichtbar. Über Identifikation, Datenträger, Datenstrukturen und Systemarchitektur kann und sollte man sich bereits Gedanken machen.

Was noch nicht funktioniert, ist die endgültige Umsetzung aller Anforderungen für jede Produktgruppe. Dafür fehlen schlicht noch Entscheidungen der EU.

Internationale Normung über Europa hinaus

Auch außerhalb Europas wird inzwischen intensiv über Digitale Produktpässe und vergleichbare Systeme gesprochen.

Die europäische Normungsarbeit wird deshalb mit der internationalen Standardisierung verzahnt. CEN-CENELEC JTC 24 und ISO/IEC JTC 5 sollen eng zusammenarbeiten, damit die in Europa entwickelten technischen Grundlagen auch in die internationale Diskussion einfließen.

Dort sitzen Vertreter nationaler Normungsorganisationen aus unterschiedlichen Wirtschaftsräumen am Tisch, unter anderem DIN für Deutschland, ANSI für die USA, SAC für China, JISC für Japan und Standards Australia.

Das ist wichtig. Denn für einen Hersteller wäre es wenig attraktiv, für dasselbe Produkt unterschiedliche und technisch inkompatible Produktpässe für Europa, China, die USA oder andere Märkte betreiben zu müssen.

Im Idealfall entstehen also kompatible Strukturen, die deutlich über Europa hinaus funktionieren.

Ob das gelingt? Auch hier wird die Praxis zeigen, wie weit sich die unterschiedlichen Anforderungen tatsächlich zusammenführen lassen.

Der DPP muss jetzt mit Leben gefüllt werden

2026 sind wichtige Grundlagen geschaffen worden. Das DPP-Register der EU ist in Betrieb, zentrale technische Standards sind veröffentlicht und mit dem Batteriepass steht der erste große verpflichtende Anwendungsfall bevor.

Damit wird zunehmend klar, wie die technische Infrastruktur funktionieren kann.

Aus meiner Sicht wäre es allerdings zu kurz gedacht, den DPP ausschließlich als neue regulatorische Pflicht zu betrachten.

Heute werden Produktinformationen über Datenbanken, Dokumente, unterschiedliche Schnittstellen und teilweise noch auf Papier ausgetauscht. Wenn der DPP dazu beiträgt, diese Informationen künftig einheitlicher und über den gesamten Produktlebenszyklus verfügbar zu machen, entsteht daraus ein echter Mehrwert.

Im Idealfall gibt es irgendwann für ein Produkt einen Digitalen Produktpass, der über Systeme, Branchen und Ländergrenzen hinweg verstanden und genutzt werden kann.

Das ist anspruchsvoll. Aber genau darin liegt auch die Chance des DPP.

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