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Europas grüne Supply Chain wird smart

Die nachhaltige und digitale Vernetzung von Mehrwegverpackungen im europäischen Pflanzenhandel ist essentiell für die Umsetzung ökologischer Vorgaben und Effizienzsteigerungen in grenzüberschreitenden Lieferketten.

  • Veröffentlicht: 13. April 2026
  • Lesezeit: 8 min
  • Von: Anja Van Bocxlaer
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Europas grüne Supply Chain wird smart
Europas Pflanzenlogistik wird vernetzt: Eine grenzüberschreitende Mehrweg- und Dateninfrastruktur verbindet Produktion, Handel und Vertrieb. Quelle: Think WIoT
  • EPT betreibt ein europäisches Mehrweg-Pooling-System für standardisierte Pflanzentrays mit RFID-In-Mold-Labels zur Langzeitkennzeichnung.
  • Die Initiative ersetzt jährlich etwa 700 Millionen Einwegtrays und reagiert auf die EU-Verordnung über Verpackungen ab 2029.
  • Der Echtbetrieb begann 2024 mit 1,5 Millionen Trays und wird von sechs aktiven Lieferketten sowie weiteren im Ausbau begleitet.
  • Eine öffentliche Förderung ermöglicht den Aufbau einer offenen IoT-Dateninfrastruktur zur Unterstützung von Nachhaltigkeits-Reporting und Life-Cycle-Analysen.

Wie eine Brancheninitiative mit RFID und Mehrweg 700 Millionen Einwegtrays ersetzen will

Vor drei Jahren begann ein Projekt, das heute als größte europäische Mehrweginitiative für Pflanzentransporte gilt. 33 Unternehmen aus sechs Ländern arbeiten inzwischen gemeinsam an einer digitalen und nachhaltigen Infrastruktur für die grüne Branche.

Der Name dieser Initiative ist Euro Plant Tray (EPT). Sie betreibt ein zirkuläres Pooling-System von Trays im europäischen Pflanzenhandel und -transport. Die Trays sind standardisiert und aus Kunststoff. Sie werden von Baumschulen, Gärtnereien, Gartencentern und dem Pflanzengroßhandel eingesetzt. Nach dem Verkauf der Pflanzen findet die Rückgabe, Reinigung und Überprüfung der Trays statt.

Danach gelangen sie erneut in den Umlauf. Diese automatischen Prozesse funktionieren, da jedes Tray mit einem Barcode, einem 2D-Datamatrix und einem RFID-Label ausgestattet ist. Die Trays sind in unterschiedlichen Größen verfügbar – je nach Pflanztopf und Gewichtklasse.

„Wir haben vor drei Jahren bewusst gesagt: Wenn wir das machen, dann europäisch – alles andere ergibt keinen Sinn“, erklärt Dirk Bansemer, Managing Director of EPT GmbH und Initiator des Projekts. „Unsere Lieferketten enden ja nicht an Landesgrenzen. Pflanzen kommen aus Norddeutschland, vom Niederrhein, aus Holland, Frankreich, Belgien, Italien oder Spanien – und werden dann überall in Europa verkauft. Dafür braucht es ein System, das genauso grenzüberschreitend funktioniert.“

Heute sind Unternehmen aus Norwegen, Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Österreich beteiligt, ein weiteres Mitglied ist auch in Belgien aktiv. In Südeuropa soll die Initiative nun gezielt weiter wachsen.

Seit 2022 arbeitet EPT daran, die über 700 Millionen Einwegtrays, die jedes Jahr verbraucht werden, durch eine nachhaltige Mehrweglösung zu ersetzen.
Seit 2022 arbeitet EPT daran, die über 700 Millionen Einwegtrays, die jedes Jahr verbraucht werden, durch eine nachhaltige Mehrweglösung zu ersetzen. Bildquelle: EPT

Warum Europa eine gemeinsame Lösung braucht?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Erstens ist die Pflanzenbranche hochgradig international verflochten. Produktionsschwerpunkte liegen je nach Kultur in Norddeutschland, am Niederrhein, in den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Italien oder Spanien. Verkauft wird europaweit – über Baumärkte, Gartencenter und Großhändler. Nationale Insellösungen funktionieren also nicht.

Zweitens hat die EU im Dezember 2024 die Verordnung über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR) rechtskräftig verabschiedet.

Die Grafik zeigt die komplexen Supply Chain Verflechtungen von der Züchtung, Produktion bis zum Verkauf.
Die Grafik zeigt die komplexen Supply Chain Verflechtungen von der Züchtung, Produktion bis zum Verkauf. Bildquelle: EPT

PPWR gehört zum Green Deal

Ziel der europäischen Verordnung, ist es, den Abfall aus dem Verpackungssektor europaweit deutlich zu reduzieren. Die meisten Bestimmungen der Verordnung gelten ab August 2026. Für Pflanzenverpackungen wurde jedoch eine Übergangsfrist bis Dezember 2029 gewährt. Nach diesem Datum ist die Verwendung von Einweg-Kunststoffverpackungen im B2B-Sektor für den nationalen Transport und den Transport innerhalb einer Unternehmensgruppe nicht mehr zulässig.

Für den Transport von einem in einen anderen Mitgliedstaat reicht von 2030 bis 2040 die Verwendung von 40 Prozent wiederverwendbaren Verpackungen aus. Danach gilt die Vorschrift für 100 Prozent der Verpackungen. Kartonverpackungen sind aktuell noch ausgenommen.

Pflanzenproduktion im modernen Gewächshaus
Ab 2029 müssen die Trays für den Transport innerhalb eines Landes oder eines Unternehmens wiederverwendbar sein. Bildquelle: EPT

Vom Mehrweggedanken zur digitalen Infrastruktur

Ausgangspunkt war eine einfache, aber wirkungsvolle Zahl: Rund 700 Millionen Einwegtrays werden jährlich in Europa entsorgt.

„Das war für uns der zentrale Treiber“, erklärt Bansemer. „Wir wollten nicht noch eine Insellösung bauen, sondern eine echte Alternative schaffen – europaweit verfügbar, standardisiert und langfristig tragfähig.“

Doch schnell wurde klar: Eine moderne Mehrweglösung braucht mehr als nur robusten Kunststoff. Sie braucht Transparenz. Neben der Mehrwegidee stand also von Anfang an die Frage im Raum, wie sich Kreisläufe effizient nachverfolgen und steuern lassen?

„Uns war daher früh bewusst, dass wir Kreisläufe nur steuern können, wenn sie transparent und messbar oder bezifferbar sind.“

Die strategische Entscheidung war schwer

„Ganz ehrlich: Wir sind am Anfang davon ausgegangen, dass RFID wirtschaftlich für uns nicht darstellbar ist“, blickt Bansemer zurück. „Wie so oft klang es in den ersten Gesprächen alles einfach und günstig. Als es konkret wurde, stellte sich heraus, dass das Invest doch größer ist.“

Also prüfte EPT die Umsetzung einer Pooling-Lösung mit Bluetooth Low Energy (BLE). Man habe nach einer möglichst barrierearmen und günstigen Lösung gesucht, berichtet er. „Doch je tiefer wir einstiegen, desto klarer wurde, dass RFID technologisch doch weiter war, als wir ursprünglich angenommen hatten“.

Mit großer Mehrheit – rund 85 bis 90 Prozent Zustimmung – beschlossen die Gründungsmitglieder, RFID direkt in die Produktion zu integrieren. Nicht als nachträgliches Add-on, sondern als In-Mold-Label, dauerhaft in das Kunststofftray eingegossen.

Eine spätere Nachrüstung sei faktisch unmöglich gewesen, heißt es. Die Trays zirkulieren über Jahre in unterschiedlichen Lieferketten und kommen nicht regelmäßig an einen zentralen Punkt zurück. Aufklebbare Labels hätten weder die nötige Haltbarkeit noch Prozesssicherheit geboten.

„Wir haben uns bewusst gefragt: Wollen wir jetzt sparen – oder wollen wir zukunftsfähig sein? Und allen war klar: Nachrüsten ist praktisch unmöglich. Unsere Trays laufen über Jahre in unterschiedlichsten Kreisläufen. Die kommen nicht regelmäßig bei uns vorbei, sodass wir einfach ein Label nachkleben könnten.“

Deshalb fiel die Entscheidung für In-Mold-RFID-Label – dauerhaft eingegossen in das Material – trotz höherer Anfangskosten.

„Wenn wir es machen, dann richtig. Wir wollten eine Lösung, die zehn Jahre und länger funktioniert – unter allen Witterungsbedingungen, in allen Lieferketten.“

Smarte Mehrwegtrays mit RFID schaffen Transparenz und Effizienz in Europas grüner Supply Chain.
Smarte Mehrwegtrays mit RFID schaffen Transparenz und Effizienz in Europas grüner Supply Chain. Bildquelle: EPT

Es geht los!

Die Pilotphase begann im Frühjahr 2023. 40.000 Trays wurden in der realen Lieferkette von der Produktion bis zum Abverkauf in Deutschland und den Niederlanden getestet. Ziel war es, das gesamte Handling inklusive der Rückführbarkeit im Pooling-System zu prüfen. 10 Produzenten, 6 Großhändler und rund 50 Einzelhandelsstandorte waren beteiligt.

Im Pilot fand das Zählen der Trays mit Handscannern statt. „Das klingt banal, ist aber enorm hilfreich. Wenn Sie 300 Trays auf einer Palette haben und die von Hand zählen, wissen Sie, was das bedeutet. Mit dem Scanner geht das in Sekunden – und fehlerfrei“, so Bansemer.

Im August 2024 fiel der Startschuss für den Echtbetrieb. 1,5 Millionen Trays wurden in Umlauf gebracht. Aktuell sind sechs Lieferketten mit dem Mehrwegsystem aktiv, drei weitere bereiten die Integration von RFID-Prozessen vor.

Zu den Partnern zählen große Handelsunternehmen wie Hornbach, Bauhaus, OBI und Globus. Damit startete das Pooling-System direkt mit volumenstarken Strukturen. Laut Bansemer sind große Volumina der beste Weg, um Effizienz zu erzeugen. Parallel laufen Projekte, um automatisierte Buchungs-, Scan- und Trackingprozesse aufzusetzen.

Ein wichtiger nächster Schritt folgte im Herbst 2025: Ein Förderprojekt des Landes Nordrhein-Westfalen mit einem Volumen von über zwei Millionen Euro wurde bewilligt.

In einem Konsortium aus sechs Partnern – Fraunhofer UMSICHT, EECC (European EPC Competence Center), R-Cycle, GreenDelta, SIM (Stiftung Initiative Mehrweg) sowie Euro Plant Tray – werden Datenstrukturen für Anwendungen wie Echtzeit-LCAs entwickelt und implementiert. Ziel ist es, belastbare, standardisierte Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfügbar zu machen.

Die Grundlage dafür wurde bereits in den vorangegangenen Phasen gelegt: Durch die frühe Datenerfassung im Pilot und im Echtbetrieb konnten praxisnahe Datenmodelle aufgebaut und Prozesse erprobt werden. Das Förderprojekt knüpft daran an und überführt diese Erfahrungen in skalierbare, interoperable Systeme.

„Das war für uns ein starkes Signal“, betont Bansemer. „Es zeigt, dass wir nicht nur eine Idee haben, sondern eine zukunftsfähige Infrastruktur aufbauen.“

Langfristig rechnet EPT mit mehreren hundert Lieferketten, die auf das System umstellen.

Datenbank zur Unterstützung der Reportingpflicht

Seit 2023 wird eine IoT-Infrastruktur entwickelt, in der RFID-Daten strukturiert erfasst und in einer offenen Datenbank gespeichert werden.

„Wir wollen Daten nicht nur sammeln, sondern nutzbar machen – für Life-Cycle-Analysen, für CO₂-Bilanzen, für Nachhaltigkeitsreporting. Und zwar so, dass auch kleine und mittlere Unternehmen damit arbeiten können.“

Bansemer betont, dass viele KMU formal zwar nicht berichtspflichtig seien, faktisch jedoch sehr wohl Daten liefern müssten.

„Der große Händler fragt beim Großhändler nach, der Großhändler fragt beim Produzenten – und plötzlich entsteht eine Reportingpflicht durch die Hintertür. Wir wollen dafür eine Infrastruktur schaffen, die diese Anforderungen unkompliziert erfüllt.“

Integration statt Parallelwelten

„Uns war wichtig, keine redundanten Technologiewelten aufzubauen. In unserer Branche gibt es bereits RFID-Anwendungen, etwa bei dänischen Pflanzenrollwagen. Also haben wir geschaut: Wie können wir Synergien schaffen, statt neue Inseln zu bauen?“

Man halte die Lösung bewusst offen für Weiterentwicklungen. Anbieter aus Österreich, den Niederlanden und Süddeutschland brächten regelmäßig neue Ideen ein – etwa blinkende Label oder kombinierbare Sensortechnologien.

„Durch Austausch wird man selten dümmer“, sagt Bansemer mit einem Lächeln. „Im Gegenteil – Innovation entsteht genau dort.“

Blick nach vorn: Sensorik und KI

Temperatur- und Feuchtigkeitssensorik standen bereits zu Beginn auf der Wunschliste. Eine vollständige Integration direkt im Kunststoff scheiterte bislang an physikalischen Grenzen – Sensoren überstehen den In-Mold-Prozess nicht.

Additive Lösungen sind jedoch in Planung. Insbesondere für Exporteure wäre eine Kombination aus RFID-Tracking und Umweltsensorik hochrelevant. Mit zunehmender Datentiefe und KI-gestütztem Matching könnten künftig Transportbedingungen, Kreisläufe und Nachhaltigkeitskennzahlen noch präziser ausgewertet werden.

Müllvermeidung wird messbar: Identifizierbare Mehrwegtrays ermöglichen transparente Kreisläufe und liefern belastbare Daten für Politik und Wirtschaft.
Müllvermeidung wird messbar: Identifizierbare Mehrwegtrays ermöglichen transparente Kreisläufe und liefern belastbare Daten für Politik und Wirtschaft. Bildquelle: EPT

Mehrweg als politische Mission

Die Initiative wird inzwischen auch politisch wahrgenommen. Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Umweltminister Oliver Krischer (Bündnis 90/Die Grünen) zeigen, dass Mehrwegmodelle auch im öffentlichen Sektor zunehmend an Bedeutung gewinnen.

„Unsere Haupttriebfeder ist Müllvermeidung“, erklärt Bansemer. „Die Technik ist kein Selbstzweck. Sie hilft uns nur dabei, nachzuweisen, was wir ökologisch leisten – und das transparent zu dokumentieren.“

Erfolg wird sichtbar

Was als Mehrweginitiative begann, entwickelt sich inzwischen zu einer länderübergreifenden digitalen Infrastruktur für die europäische Pflanzenlogistik. An dem System sind derzeit 33 Unternehmen aus 6 Ländern beteiligt. Aktuell sind 6 Lieferketten aktiv, während sich 3 weitere in Vorbereitung befinden. Begleitet wird der Ausbau von einer Millioneninvestition in IoT und eine Datenplattform. RFID bildet dabei das zukunftsfähige Rückgrat des Systems.

„Wir wollten nie nur ein Produkt auf den Markt bringen“, sagt der Initiator abschließend. „Wir wollten ein System schaffen, das Kreisläufe wirklich verändert – ökologisch, wirtschaftlich und technologisch. Und genau das beginnt nun sichtbar zu werden.“

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