Vernetzte Logistik bei Volvo: Verpackungsverfolgung wird zur globalen Plattform

Eine skalierbare, technologieübergreifende Plattform mit zuverlässigen Daten ist grundlegend für effektive vernetzte Logistik und nachhaltige Lieferketten bei der Volvo Group.

  • Veröffentlicht: 09. März 2026
  • Lesezeit: 8 min
  • Von: Anja Van Bocxlaer
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Vernetzte Logistik bei Volvo: Verpackungsverfolgung wird zur globalen Plattform
Dieser Artikel basiert auf einer Präsentation von Max Odehammar und Julien Bertolini auf der WIoT tomorrow 2025 (WIoT 2025) sowie auf einem Interview mit beiden Referenten. Quelle: Volvo Group
  • Verpackungen werden als kritische, oft übersehene Vermögenswerte mit globaler Transparenz überwacht.
  • Erfolgreiches Asset-Tracking benötigt eine skalierbare Plattform, die verschiedene Technologien integriert.
  • Die Verbindung von Verpackungs-, Transport- und Teilverfolgung steigert den ROI und senkt Kosten.
  • Zuverlässige und hochwertige Daten bilden die Grundlage für Analysen und KI in der Logistik.

Verpackungen stehen in Lieferketten selten im Rampenlicht, bis sie zum Engpass werden. Bei der Volvo Group begann die Umstellung auf vernetzte Logistik mit diesem blinden Fleck: hochspezialisierte Verpackungen, die kritische Teile schützen und die Produktion am Laufen halten, aber oft mit begrenzter Transparenz verwaltet werden.

In einem Interview erklären Max Odehammar und Julien Bertolini von der Volvo Group, wie das Team von manuellen, fehleranfälligen Inventarisierungsprozessen zu einem datengesteuerten Tracking-Ansatz übergegangen ist. Ihre Erfahrung zeigt, dass Asset-Tracking nur dann einen echten Mehrwert schafft, wenn es direkt mit den Betriebsergebnissen verknüpft ist.

Ihre Kernaussage: Der Erfolg hängt nicht von der Wahl einer bestimmten Tracking-Technologie ab. Stattdessen ist eine skalierbare Plattform erforderlich, die verschiedene Tracking-Methoden kombiniert, Anwendungsfälle über organisatorische Silos hinweg verbindet und eine zuverlässige Datenbasis für zukünftige Analysen und KI schafft.

Asset-Tracking als Teil einer umfassenderen Strategie

Bei der Volvo Group wird die Asset-Verfolgung nicht als eigenständiges Technologieprojekt behandelt. Sie ist Teil einer umfassenderen Strategie namens „Connected Logistics“, die die Ziele des Unternehmens in den Bereichen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Produktivität unterstützt.

Die Idee ist einfach: Wenn Unternehmen in Echtzeit wissen, wo sich wichtige Assets befinden, können sie Prozesse stabilisieren, Engpässe früher erkennen und die Lieferleistung verbessern. Eine größere Transparenz ermöglicht auch schnellere und bessere Entscheidungen im gesamten Logistikbetrieb.

Connected Logistics ist bei der Volvo Group bereits eine kundenorientierte Servicekomponente, die über Volvo Connect für Fahrzeug- und Flottenservices und die Connect-Plattform von Logivity für Transportlogistik bereitgestellt wird. Die Asset-Verfolgung hingegen ist eine neuere Entwicklung innerhalb der Volvo Group, die darauf abzielt, die Transparenz über Asset- und Materialflüsse zu verbessern, die Planung zu stärken und effizientere Logistikprozesse zu unterstützen.

Max Odehammar erklärt:

„Asset-Verfolgung unterstützt unseren strategischen Fokus auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Produktivität. Die Echtzeit-Transparenz in unserer Lieferkette trägt zur Sicherung des Betriebs bei, sodass wir unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden besser nachkommen können. Connected Logistics ist auch Teil unseres Serviceangebots und hilft unseren Kunden, ihre Produktivität und Nachhaltigkeit durch verbesserte Betriebszeiten und Effizienz zu steigern.“

Verpackung: Ein kritischer, aber oft unsichtbarer Vermögenswert

Ausgangspunkt für die Tracking-Initiative von Volvo war ein häufig unterschätztes Element der Lieferkette: die Spezialverpackung.

In der Automobilindustrie ist die Verpackung weit mehr als nur ein Transportbehälter. Oft handelt es sich um speziell angefertigte Ausrüstung, die für bestimmte Teile, Geometrien und Schutzanforderungen entwickelt wurde. Trotz ihrer Bedeutung wird sie als strategischer Vermögenswert oft übersehen.

Diese mangelnde Transparenz kann kostspielig werden. Ohne zuverlässige Daten über den Standort und die Verfügbarkeit von Verpackungen werden Engpässe oft zu spät erkannt. Unternehmen müssen dann mit teuren Expresslieferungen oder Notfallanpassungen in der Produktion reagieren. In einigen Fällen können lange Ersatzlieferzeiten zu monatelangen Betriebsstörungen führen.

Für die Verpackungsorganisation von Volvo waren die Anforderungen daher klar. Die Tracking-Lösung musste globale Transparenz über den gesamten Verpackungspool bieten und Entscheidungen auf der Grundlage zuverlässiger Daten anstelle unvollständiger manueller Berichte ermöglichen.

Die Technologie folgt dem Anwendungsfall und dem ROI

Eine wichtige Erkenntnis aus dem Projekt: Es gibt keine einzige Tracking-Technologie, die für jedes Szenario geeignet ist.

Erfolgreiche Tracking-Systeme kombinieren je nach Anwendungsfall verschiedene Technologien und stellen gleichzeitig sicher, dass die Gesamtlösung wirtschaftlich rentabel bleibt.

Das Team betont, dass Unternehmen zunächst ihre Ziele definieren müssen, bevor sie Technologien auswählen. Genauigkeitsanforderungen, verfügbare Infrastruktur und Prozessintegration beeinflussen den letztendlichen Return on Investment.

In diesem Sinne ist die Verfolgung nicht in erster Linie eine Frage der Sensoren. Es handelt sich vielmehr um eine Herausforderung für das Systemdesign:

  • Welche Daten werden benötigt?

  • Wann und wo werden sie benötigt?

  • Welche Technologie kann sie zuverlässig und kostengünstig liefern?

Erst nachdem diese Fragen beantwortet sind, können Unternehmen den ROI realistisch bewerten.

Wie Tracking in der Praxis funktioniert

Aus Sicht von Volvo besteht das Tracking im Wesentlichen aus zwei grundlegenden Schritten:

  1. Bestimmung des Standorts

  2. Übertragung dieser Informationen auf eine Plattform

Die technische Umsetzung hängt von der gewählten Technologie ab.

Bei der GNSS- oder GPS-Ortung empfangen Geräte Satellitensignale und senden Rohdaten, in der Regel über Mobilfunknetze, an eine Plattform, wo die Koordinaten berechnet werden.

Bei Bluetooth-Low-Energy-Systemen, beispielsweise mit RSSI-basierter Positionierung, erkennen Scanner Tag-IDs und Signalstärke. Die Daten werden über Netzwerke wie LoRa an eine Standort-Engine übertragen, die die relativen Positionen berechnet.

Der eigentliche Mehrwert entsteht auf Plattformebene, nicht im Sensor. Hier werden Daten aus verschiedenen Quellen konsolidiert, verarbeitet, visualisiert und in operative Arbeitsabläufe integriert.

Vergleich der wichtigsten Tracking-Technologien, die in der vernetzten Logistik eingesetzt werden
Vergleich der wichtigsten Tracking-Technologien, die in der vernetzten Logistik eingesetzt werden, mit Schwerpunkt auf Unterschieden hinsichtlich Genauigkeit, Infrastrukturanforderungen, Energieverbrauch sowie typischen Stärken und Einschränkungen. Bildquelle: Volvo Group

Proof of Concept: Von manuellen Listen zu zuverlässiger Planung

Der Proof of Concept von Volvo konzentrierte sich auf die Verfolgung von Spezialverpackungen. Dabei zeigte sich schnell eine der größten operativen Verbesserungen: die Eliminierung der manuellen Bestandsverfolgung.

Zuvor erfassten die Mitarbeiter die Bewegungen der Vermögenswerte oft manuell. Dieser Prozess führte unweigerlich zu Fehlern und damit zu ungenauen Bestandsdaten. Infolgedessen konnten Transportaufträge für Mengen geplant werden, die tatsächlich nicht verfügbar waren.

Die auf der Nachverfolgung basierende Bestandsberichterstattung verbesserte die Planungssicherheit erheblich. Volvo beschreibt das Ergebnis klar: Seit die Planung auf Nachverfolgungsdaten basiert, hat der Prozess eine perfekte Planungseffizienz erreicht.

In der Praxis bedeutet dies, dass alles, was für den Transport geplant ist, auch tatsächlich verfügbar ist und wie geplant geliefert wird. Gleichzeitig können teure Expresssendungen vermieden und die Verpackungsverteilung optimiert werden, da die Logistikteams nun mit zuverlässigen Daten arbeiten.

Skalierung der Lösung: Tracking-Hub und Cloud-Plattform

Der Übergang von Pilotprojekten zum globalen Einsatz ist oft der schwierigste Schritt bei industriellen IoT-Initiativen. Das Datenvolumen wächst, die Integrationen nehmen zu und die Technologie-Stacks werden komplexer.

Volvo begegnet dieser Herausforderung mit zwei Architekturkomponenten.

Erstens fungiert ein Tracking-Hub als skalierbare Middleware. Er standardisiert Nachrichten von verschiedenen Tracking-Technologien und Hardware-Anbietern und verbindet Geräte mit der Cloud-Plattform.

Zweitens basiert die Plattform selbst auf einer modernen Microsoft Azure-Architektur und schafft so eine wiederverwendbare Grundlage, die standort- und markenübergreifend eingesetzt werden kann, ohne das System neu aufbauen zu müssen.

Silos aufbrechen: Anwendungsfälle verbinden

Ein weiteres wichtiges Prinzip ist eher organisatorischer als technischer Natur: Anwendungsfälle sollten miteinander verbunden und nicht isoliert betrachtet werden.

Verpackungen bewegen sich nicht von selbst durch die Lieferkette. Sie schützen Teile, werden mit Sendungen transportiert und geben oft den Standort der Waren selbst an.

Durch die Kombination von Verpackungsdaten mit Transportdaten können Unternehmen einen zusätzlichen Mehrwert generieren. Beispielsweise können Transportstandortdaten den Bedarf an speziellen GPS-Trackern auf Verpackungen reduzieren.

Dieser Ansatz senkt die Gesamtsystemkosten und kann Anwendungsfälle wirtschaftlich rentabel machen, die für sich genommen keine Investition rechtfertigen würden.

Um dies zu erreichen, müssen jedoch traditionelle organisatorische Silos überwunden werden. Große Unternehmen entwickeln oft lokale Lösungen, die nur eine Abteilung oder einen Standort optimieren.

Volvo sieht darin eine große Herausforderung. Anstelle von isolierten Lösungen fördert das Unternehmen eine gemeinsame Plattformstrategie und eine ganzheitliche Sichtweise auf vernetzte Logistik.

Architekturübersicht der Tracking-Plattform der Volvo Group
Architekturübersicht der Tracking-Plattform der Volvo Group: Asset-Tracker verbinden sich über Gateways und einen cloudbasierten Tracking Hub mit einer Microsoft Azure-Plattform, die sich in ältere Anwendungen integrieren lässt und Endbenutzern Daten bereitstellt. Bildquelle: Volvo Group

Globale Standardisierung mit lokaler Flexibilität

Um globale Konsistenz mit lokalen Anforderungen in Einklang zu bringen, setzt Volvo auf eine standardisierte Tracking-Plattform, die Daten aus verschiedenen Tracking-Technologien sammelt und über Karten, Dashboards und Berichte visualisiert.

Gleichzeitig sollten Geschäftsanwender nicht vollständig von zentralen IT-Teams abhängig sein. Mit Low-Code-Tools können Anwender selbst Regeln definieren, Warnmeldungen konfigurieren und Dashboards anpassen.

Auf diese Weise bleibt die Plattform global standardisiert und unterstützt dennoch die lokale operative Flexibilität.

Ausblick: Zuverlässige Daten vor KI

Nachhaltigkeit ist eine strategische Priorität für die Volvo Group, auch innerhalb ihrer eigenen Betriebsabläufe. Eine verbesserte Transparenz der Vermögens- und Materialflüsse trägt dazu bei, die Logistikeffizienz zu steigern und den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens zu verringern.

Gleichzeitig sieht Volvo auch ein großes Potenzial in der künstlichen Intelligenz. KI könnte zukünftige Anwendungen wie Verzögerungsvorhersagen oder Logistiksimulationen unterstützen.

KI ist jedoch nur so gut wie die Daten, die sie erhält. Bevor fortschrittliche Analysen einen Mehrwert liefern können, müssen Unternehmen zunächst zuverlässige Datengrundlagen schaffen. Die Priorität ist klar: Eine skalierbare Tracking-Lösung mit hochwertigen Daten muss an erster Stelle stehen.

Wichtige Erkenntnisse für andere Unternehmen

Die Erfahrungen von Volvo bieten mehrere praktische Erkenntnisse für Unternehmen, die sich mit der Nachverfolgung von Vermögenswerten befassen:

  • Beginnen Sie mit dem Anwendungsfall.
    Es gibt keine universelle Tracking-Technologie. Lösungen müssen auf die betrieblichen Anforderungen zugeschnitten sein.

  • Verbinden Sie Anwendungsfälle.
    Die Verknüpfung von Verpackungs-, Transport- und Teilverfolgung kann Synergien freisetzen und den ROI verbessern.

  • Erstellen Sie zuerst die Datenbasis.
    Eine skalierbare Tracking-Infrastruktur und zuverlässige Datenqualität sind Voraussetzungen für Analysen und KI.

Für die Volvo Group ist vernetzte Logistik daher mehr als ein digitales Experiment. Sie entwickelt sich zu einer Kernkompetenz für den Aufbau einer transparenteren, effizienteren und widerstandsfähigeren Lieferkette.

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