Barcode war gestern? Wie RFID den Massenmarkt herausfordert

Der Digitale Produktpass beschleunigt die Verbreitung automatisierter Identifikationstechnologien, wobei UHF‑ und HF‑RFID komplementär wirken und Barcodes in preisempfindlichen Fällen erhalten bleiben.

  • Veröffentlicht: 21. Januar 2026
  • Lesezeit: 9 min
  • Von: Anja Van Bocxlaer
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Barcode war gestern? Wie RFID den Massenmarkt herausfordert
Smartphone-Scan statt Spezialgerät: Barcodes und NFC/RFID lassen sich mobil erfassen – ein Schlüssel für digitale Produktpässe und skalierbare Identifikation in der Lieferkette. Quelle: Think WIoT
  • Der Digitale Produktpass fördert Transparenz, Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz und ist kein Selbstzweck.
  • Der DPP ist technologieoffen; UHF‑RFID eignet sich besonders für automatisierte, hochvolumige Prozesse.
  • HF/NFC bleibt wichtig für Endkunden, Smartphones ermöglichen Consumer-Reads, aber nicht immer logistische Performance.
  • Barcodes und QR-Codes bleiben wirtschaftlich sinnvoll für sehr preisempfindliche Massenartikel.

Hat RFID das Zeug, den Barcode im Massenmarkt zu verdrängen?

Vom Voralpenland in die Welt: Thomas Brunner leitet Kathrein Solutions, einen global renommierten Anbieter für Antennen- und Reader-Innovationen. Für ihn ist Nachhaltigkeit nicht nur ein Trend, sondern ein zentraler Antrieb – und der Digitale Produktpass (DPP) ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz und Ressourceneffizienz. Im Interview mit Anja Van Bocxlaer spricht Brunner über Chancen, Herausforderungen und die Schlüsselrolle der RFID-Technologie für den Digitalen Produktpass.

1. Bremse oder Booster: Macht der DPP Unternehmen nachhaltiger – oder nur mehr Bürokratie?

Thomas Brunner: Ich halte den Digitalen Produktpass für sehr sinnvoll – insbesondere im Hinblick auf Kreislaufwirtschaft, Ressourceneffizienz, Wiederverwendung und Einsparungen. Es geht darum, am Ende des Lebenszyklus eines Produkts verlässliche Informationen zu haben: Was kann man damit tun? Wie kann man es wiederverwenden oder recyceln? Woraus besteht es? In der heutigen Zeit ist es aus meiner Sicht absolut richtig, dass die Europäische Union hierfür eine regulatorische Grundlage schafft.

Ich sehe den DPP daher nicht als Gängelung oder hohen Kostenfaktor für die Wirtschaft, sondern klar positiv. Für mich überwiegen die Vorteile deutlich. Überschätzen würde ich ihn nicht – eher im Gegenteil: Ich glaube, viele unterschätzen, welche Möglichkeiten er bietet. Natürlich sind nicht alle Industrien so aufgestellt wie die deutsche Automobilindustrie, die seit Jahrzehnten mit einem großen Zuliefernetzwerk nach VDA-Standards arbeitet und ihre Supply Chain transparent gestaltet – genau das, was der DPP in anderen Branchen erreichen will.

In der Automobilindustrie gibt es beispielsweise seit 20 Jahren Materialdatenbanken, in die bis auf das letzte Prozent genau eingetragen werden muss, woraus ein Bauteil besteht. So kann ein Hersteller auf Knopfdruck sagen: „Dieses Fahrzeug mit dieser Ausstattung besteht aus diesen Rohstoffen.“ Im Prinzip verfolgen wir mit dem DPP nun denselben Ansatz.

Natürlich kann ein kleines Unternehmen mit 20 Mitarbeitenden und wenig digitaler Infrastruktur anfangs von den Anforderungen des DPP überfordert sein. Aber das darf nicht bedeuten, dass wir Strukturen und Prozesse grundsätzlich nicht weiterentwickeln und anpassen – nur weil es immer Unternehmen geben wird, die noch nicht bereit oder willens sind, diese Veränderungen umzusetzen.

2. Wird der Digitale Produktpass zum Treiber für RFID-Systeme?

Thomas Brunner: Ja, das glaube ich schon. Die DPP-Initiative wird durch regulatorische Anforderungen vorangetrieben. Wenn es verbindliche Vorgaben gibt, müssen Unternehmen handeln. Diese Vorgaben sind strategisch wichtig für die Europäische Union – genau deshalb werden sie eingeführt.

Viele Unternehmen arbeiten ohnehin seit Jahren an Technologien zur automatisierten Erfassung sowie an digitalen, transparenten Lieferketten. Das Ziel war schon immer, diese Prozesse weiter zu optimieren und effizienter zu gestalten – ein Ziel, das es seit den Anfängen der „Auto-ID-Welt“ gibt.

Die Investitionen in Europa steigen Jahr für Jahr. Wir sehen eine enorme Dynamik bei der Anzahl der produzierten Transponderchips. Immer mehr Branchen – vom Einzelhandel über die Bekleidungsindustrie bis hin zu anderen Sektoren – entscheiden sich dafür, jedes Produkt mit einem digitalen Transponder auszustatten.

Wenn ein Unternehmen wie etwa Decathlon bereits alle Produkte mit RFID ausgerüstet hat, ist es ein Leichtes, die DPP-Anforderungen über dieses Medium zu erfüllen. Das Investment für das Produkttracking ist in diesem Fall bereits getätigt.

Der DPP kann diesen Trend beschleunigen. Zwar wird nicht jede DPP-Lösung automatisch eine RFID-Lösung sein, doch wird er viele Unternehmen, die bislang nicht über eine Digitalisierung ihrer Supply Chain nachgedacht haben, dazu bringen, ihre Effizienz zu steigern. Das wiederum wird sich aus meiner Sicht ganz klar positiv auf unsere Branche auswirken.

Der Digitale Produktpass (DPP) verknüpft eine eindeutige Produkt-ID mit verlässlichen Informationen zu Herkunft, Materialien, Nutzung und Recycling.
Der Digitale Produktpass (DPP) verknüpft eine eindeutige Produkt-ID mit verlässlichen Informationen zu Herkunft, Materialien, Nutzung und Recycling – für mehr Transparenz und Kreislaufwirtschaft. Bildquelle: Kathrein Solutions/AdobeStock

3. Das klingt erst mal sehr positiv, aber wie kann der DPP erfolgreich funktionieren?

Thomas Brunner: Damit dieses Konzept funktioniert, ist Standardisierung unverzichtbar. Nur mit einheitlichen Standards kann eine zirkuläre Wertschöpfungskette zuverlässig umgesetzt werden. Dass die Europäische Union diesen Weg konsequent weiterverfolgt – unabhängig davon, wann genau die nächsten Schritte erfolgen – begrüße ich ausdrücklich.

4. Ist es ein Fehler, den DPP auf eine einzige Technologie festzulegen?

Thomas Brunner: Ja, das wäre ein Fehler. Was die Technologien betrifft, ist der DPP technologieoffen angelegt. Er kann beispielsweise mit einem Barcode, einem QR-Code oder mit HF- bzw. UHF-RFID realisiert werden. Die Wahl der Technologie hat natürlich Einfluss darauf, welche Scanner- oder Reader-Systeme benötigt werden.

Diese Technologieoffenheit ist für mich von zentraler Bedeutung – denn nicht jedes Produkt, das gekennzeichnet werden muss, und auch nicht jede Identifikationslösung eignet sich für ein RFID-Label. Und nicht jede Anwendung profitiert von optischen Codes.

Um möglichst zügig voranzukommen, ist es entscheidend, flexibel vorzugehen. Die Aufgabe der Regulierungsbehörde besteht darin, klare, praxisnahe Standards und Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Einsatz gängiger und bewährter Identifikationstechnologien ermöglichen.

5. Der DPP ist technologieoffen – trotzdem konkurrieren die Lösungen. Welche Vorteile bietet UHF-RFID für den DPP?

Thomas Brunner: Meiner Einschätzung nach ist die UHF-Technologie sowohl technologisch als auch wirtschaftlich in vielen Bereichen noch nicht ausreichend bekannt und wird teilweise unterschätzt – vor allem, was ihr Potenzial für Automatisierung, Transparenz und Effizienzsteigerung betrifft.

In Kombination oder im Zusammenspiel mit dem DPP lassen sich in Supply Chains und Unternehmen sehr gute Ergebnisse erzielen. Damit schlägt man im Grunde zwei Fliegen mit einer Klappe. Deshalb ist es absolut sinnvoll, UHF im Kontext des DPP als eine der möglichen Technologien klar zu positionieren.

Allerdings halte ich es auch als Hersteller nicht für sinnvoll, ausschließlich UHF als einzige Technologie für den DPP festzuschreiben. Das wäre ohnehin unrealistisch, weil dies zu hohen Investitionen führen würde – insbesondere für Unternehmen, die keine stark automatisierte oder arbeitsteilige Produktion oder Logistik haben.

Nicht jedes Unternehmen in der Europäischen Union ist gleich aufgestellt. Der DPP sollte daher unterschiedliche, sinnvolle und machbare Lösungen ermöglichen, um den verschiedenen Anforderungen gerecht zu werden.

Im Einsatz
RRU 7700 Reader

RRU 7700 Reader

Logo KATHREIN Solutions

Der RRU 7700 kombiniert Hochgeschwindigkeits-RFID-Erkennung mit moderner Sicherheitstechnologie für professionelle Fahrzeugidentifikationslösungen.

6. Wird die HF-Technologie durch den DPP Marktanteile verlieren?

Thomas Brunner: Nein, das sehe ich überhaupt nicht. Die HF-Technologie ist breit und sogar stärker etabliert – sie ist beispielsweise in Smartphones weit verbreitet. Es wird daher viele Umsetzungen des DPP mit NFC-Lösungen geben. Ich sehe das klar als komplementär und halte es nicht für zielführend, Technologien gegeneinander auszuspielen – auch wenn das manche Verbände gerne hätten.

Ein übergeordneter Verband wie etwa der VDI oder der VDMA würde nie auf die Idee kommen zu sagen: „Lasst uns das bitte alles mit Optik machen“ oder „alles mit HF“. Es gibt schlicht unterschiedliche Verticals und verschiedene Automatisierungsgrade in den Industrien.

Vielleicht gibt es den DPP irgendwann auch für Lebensmittel. Nehmen wir als Beispiel einen Olivenbauern: Er braucht vermutlich eine sehr einfache Lösung, mit der er sein Produkt digital identifizieren und authentifizieren kann. Da ist es nicht notwendig, vollautomatisiert mit hoher Geschwindigkeit Tausende Tags zu lesen.

Ganz anders bei Herstellern, die in großen Stückzahlen produzieren – etwa Küchengeräte, Haushaltsgeräte oder Fernseher. Diese verfügen über hochautomatisierte Fertigungslinien mit entsprechendem Potenzial zur automatisierten Identifikation. Hier wird man Lösungen wählen, die sich gut in automatisierte Prozesse integrieren lassen.

Wenn ein Hersteller beispielsweise eine Vorvariante produziert, die bereits verpackt im Lager liegt, und erst bei der Auslieferung die endgültige Variante definiert, lässt sich das ideal mit einer Dual-Technologie umsetzen. So kann er durch die Verpackung hindurch dem Gerät eine finale Firmware oder ein finales Setup geben und dies als Teil des DPP nutzen – etwa für regionale Einsatzbeschränkungen oder Zertifikate. Solche Anpassungen am Ende lassen sich hervorragend mit einer drahtlosen Technologie umsetzen – nicht jedoch mit einem Barcode, der nicht durch Verpackungen hindurch funktioniert.

Jede dieser Technologien hat ihre eigenen Vorteile, und die Industrie wird sie entsprechend einsetzen wollen. Aufgabe der Regulierungsbehörde ist es, einen vernünftigen Standard und Rahmen zu schaffen, damit gängige und etablierte Technologien genutzt werden können – selbstverständlich unter Einhaltung der Sicherheitsstandards. Diese erfüllen QR-Code, NFC und auch UHF, sodass sie die für den DPP geforderte Sicherheit gewährleisten.

Die Regulierungsbehörde sollte hier einen breiten Einsatz ermöglichen. Dann kann die Industrie technologieoffen arbeiten und die jeweilige Lösung dort einsetzen, wo sie in der Branche am besten passt.

7. Wird RFID den Barcode im Massenmarkt ablösen?

Thomas Brunner: Für sehr günstige oder in großen Mengen produzierte Produkte (z.B. Einwegverpackungen oder Konsumgüter) wird sich der Einsatz von RFID wirtschaftlich nicht lohnen – hier bleiben Barcode oder QR-Code die bevorzugte Wahl. Auch wenn die Kosten für RFID-Tags kontinuierlich sinken, bleibt ein einfaches Papieretikett mit Barcode in vielen Fällen günstiger. Und gerade bei Milliardenstückzahlen machen selbst geringste Preisunterschiede von wenigen Cent einen erheblichen Unterschied in der Gesamtkalkulation.

Die Wahl der Technologie – ob Barcode, HF/NFC oder UHF – wird auch in Zukunft stark vom konkreten Produkt, seinem Einsatzumfeld und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen. Der DPP wird diese Entscheidungen nicht ersetzen, aber er wird sie in ein einheitliches, interoperables System überführen.

8. Wie relevant wird der DPP für Endkunden – und reicht das Smartphone als „Reader“ dafür aus?

Thomas Brunner: Der DPP zielt ja nicht nur auf logistische Nachverfolgbarkeit ab, sondern auch darauf, dass Endanwender Informationen aktiv abrufen können – etwa über ihr Smartphone. Der NFC-Technologie wird daher auch zukünftig eine große Bedeutung zukommen, denn jeder Konsument kann mit dem eigenen Smartphone den digitalen Pass eines Produkts auslesen.

Auf der anderen Seite ist die NFC- bzw. HF-Technologie für logistische Prozesse weniger geeignet. Aus diesem Grund wird sich jedes Unternehmen fragen müssen, welcher Identifier für das jeweilige Produkt und für die Anforderungen an die logistische Automatisierung der richtige ist. Das bedeutet, dass dem hybriden Chip künftig eine deutlich größere Bedeutung zukommt. Die Kombination aus UHF- und HF-Technologie ermöglicht es, in der Logistik optimale Performance zu erzielen und zugleich vom Endkonsumenten ausgelesen zu werden.

Solange keine ausreichend leistungsfähigen bzw. flächendeckend verfügbaren Smartphones für Konsumenten verfügbar sind, wird die HF-Technologie im Kontext des DPP weiterhin eine sehr große Bedeutung haben.

Kurierte Sammlung

Digitaler Produktpass EU (DPP)

Der Digitale Produktpass ist ein standardisierter Datensatz, der während des gesamten Lebenszyklus eines Produkts transparente Informationen zu Materialien, Herkunft, Nutzung und Recycling bereitstellt und so Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeitsziele unterstützt.

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