- Die staatliche EUDI-Wallet d-you wird ab 2027 digitale Identitäten auf Smartphones ermöglichen.
- Physische Karten bleiben wegen ihrer sicheren Chips, sichtbaren Sicherheitsmerkmale und etablierten Anwendungen unverzichtbar.
- Die Personalisierungskette muss Daten und Druck synchronisieren, um Datenversatz zu verhindern.
- Flexible Produktionsanlagen integrieren verschiedene Technologien und automatisieren Fehlerbehandlung.
- Laserpersonalisierung bietet bei hohen Sicherheitsanforderungen zusätzliche Manipulationssicherheit.
Mit d-you startet Deutschland 2027 eine staatliche EUDI-Wallet. Gleichzeitig bleiben RFID-, NFC- und Chipkarten wichtige sichere Identitätsmedien. Armin Rinas, Geschäftsführer Rinas Gerätetechnik, zeigt aus Ingenieurssicht, wie Encoder, Druck, Kamera und Software präzise zusammenspielen.
Deutschland bereitet den nächsten großen Schritt bei digitalen Identitäten vor. Am 2. Januar 2027 soll mit d-you die staatliche deutsche EUDI-Wallet starten. Identitätsdaten und weitere digitale Nachweise sollen damit auf dem Smartphone gespeichert und für öffentliche wie private Dienste eingesetzt werden können.
Die Entwicklung wird von SPRIND im Auftrag des Bundesdigitalministeriums vorangetrieben. Die Bundesdruckerei stellt mit dem PID-Provider eine zentrale Infrastrukturkomponente bereit, über die die digitale Kernidentität auf Basis der Online-Ausweisfunktion erzeugt wird.
Die Wallet verspricht komfortable, europaweit interoperable digitale Identitäten. Gleichzeitig zeigen die technischen und datenschutzrechtlichen Diskussionen, wie anspruchsvoll eine solche Infrastruktur ist. Der Europäische Datenschutzbeauftragte nennt unter anderem den Schutz vor unbefugtem Zugriff, unnötiger Datenweitergabe sowie der Verknüpfung von Transaktionen und möglicher Profilbildung als zentrale Designaufgaben.
Das sind keine Argumente gegen digitale Wallets auf Smartphones, zeigen aber, dass Vertrauen in eine Identität immer technisch hergestellt werden muss, unabhängig davon, ob der Credential auf einem Smartphone oder auf einer physischen Karte liegt.
Warum die physische Karte weiter eine wichtige Rolle spielt
RFID-, NFC- und Chipkarten verschwinden mit der Wallet deshalb nicht.
In vielen Anwendungen bieten physische Karten Eigenschaften, die weiterhin attraktiv sind: Ein sicherer Chip kann kryptografische Schlüssel und Identitätsdaten geschützt speichern. Kontaktlose Karten benötigen keine eigene Batterie. Der Besitz der Karte bildet eine klar definierte physische Sicherheitsebene. Je nach Anwendung können zusätzlich sichtbare Sicherheitsmerkmale, Laserpersonalisierung und manipulationsresistente Materialien eingesetzt werden.
Vor allem in Zutrittskontrolle, Payment, Corporate ID, Ticketing, Government-Anwendungen und geschlossenen Infrastrukturen ist die Karte zudem Teil einer bereits etablierten technischen Prozesskette.
Digitale Wallet und physische Karte müssen deshalb nicht als Gegensätze verstanden werden. Vielmehr werden beide Formen von Credentials auf absehbare Zeit parallel existieren.
Und genau an dieser Stelle beginnt die Ingenieursperspektive von Armin Rinas.
Er beschäftigt sich nicht abstrakt mit digitaler Identität, sondern mit den Maschinen und Modulen, die physische Identitätsmedien tatsächlich herstellen und personalisieren. Encoder, RFID-Reader, Drucksysteme, Kameras, Kartenhandling und Produktionssoftware müssen dabei als ein gemeinsamer Prozess funktionieren.
Denn bevor eine sichere Karte eingesetzt werden kann, muss zunächst eines garantiert sein: Die richtige Identität muss auf der richtigen Karte landen.
Es darf zu keinem Datenversatz kommen
Herr Rinas, was ist aus technischer Sicht die zentrale Herausforderung einer automatisierten Personalisierungslinie?
Armin Rinas:
Die Personalisierung der Karte, also das Einbringen der Daten, und der Druck müssen zusammenpassen. Es darf zu keinem Datenversatz kommen.
Dieser Satz beschreibt eine der zentralen Aufgaben der industriellen Kartenpersonalisierung.
Eine Anlage schreibt beispielsweise einen individuellen Datensatz auf einen RFID- oder NFC-Chip und bringt anschließend personenbezogene oder andere variable Informationen auf die Karte auf. Beide Prozesse müssen exakt demselben physischen Medium zugeordnet bleiben.
Bei Tausenden aufeinanderfolgenden Karten wird daraus eine anspruchsvolle Aufgabe für Maschinen- und Softwaresteuerung.
Wird eine Karte ausgeschleust, verzögert verarbeitet oder nachproduziert, darf sich dadurch die Zuordnung der nachfolgenden Datensätze nicht verschieben.
Die Anlage muss deshalb jederzeit wissen, welcher Datensatz sich an welcher Position im Produktionsprozess befindet.
Die Personalisierung bestimmt häufig den Maschinentakt
Wo liegt bei industrieller RFID-Personalisierung heute tatsächlich der Durchsatz-Flaschenhals?
Armin Rinas: Nicht unbedingt beim Druck oder beim mechanischen Transport der Karte.
In der Regel ist es die Zeit für die Personalisierung. Je nach Datenmenge und Sicherheit dauert das am längsten.
Die elektronische Personalisierung kann damit den Takt der gesamten Maschine bestimmen.
Wie schnell ein RFID- oder Chipmedium verarbeitet werden kann, hängt unter anderem davon ab, wie viele Daten übertragen werden und welche Sicherheitsfunktionen ausgeführt werden müssen.
Aus Sicht des Maschinenbaus bedeutet das: Die theoretische Geschwindigkeit eines Druckers oder Transportsystems allein sagt noch wenig über die tatsächliche Produktionsleistung aus.
Entscheidend ist, wie schnell der gesamte Prozess zuverlässig abgeschlossen werden kann.
Read-back ist möglich, aber Geschwindigkeit zählt ebenfalls
Eine naheliegende Möglichkeit zur Kontrolle wäre, nach jeder Personalisierung den vollständigen Speicherinhalt erneut auszulesen.
Warum wird das nicht grundsätzlich gemacht?
Armin Rinas:
Viele Reader können einen Read-back machen. Das verlangsamt aber den Ablauf und wird daher normalerweise nicht verwendet.
Genau hier zeigt sich ein wichtiger technischer Zielkonflikt zwischen Prüftiefe und Durchsatz.
Der eingesetzte Reader kann bereits erkennen, ob der Personalisierungsvorgang erfolgreich abgeschlossen wurde.
Unser Reader meldet einen Fehler, wenn die Personalisierung nicht erfolgreich war. Somit gehen wir davon aus, dass die Daten dann auch richtig sind.
Damit lässt sich der zusätzliche Zeitbedarf eines vollständigen Read-backs vermeiden.
UID und Kamera kontrollieren die Zuordnung
Doch eine zweite Frage bleibt: Ist der erfolgreich geschriebene Datensatz anschließend auch noch eindeutig der richtigen Karte zugeordnet?
Armin Rinas: Hier kommt eine weitere Prüfebene ins Spiel.
Anhand der UID, die mit einem zweiten Reader gelesen wird, und einer Kamera kann die Software auf Datenversatz prüfen.
Die Maschine verbindet dafür mehrere Informationsquellen.
Ein zusätzlicher RFID-Reader erfasst die eindeutige UID des Mediums. Gleichzeitig überprüft ein Kamerasystem die sichtbaren beziehungsweise maschinenlesbaren Informationen auf der Karte.
Die Software kann diese Informationen mit dem erwarteten Produktionsdatensatz abgleichen.
Damit geht Qualitätskontrolle über die Frage hinaus, ob ein RFID-Chip erfolgreich beschrieben wurde. Kontrolliert wird die korrekte Verbindung zwischen elektronischer Identität, physischem Medium und sichtbarer Personalisierung.
Gerade hier zeigt sich die Bedeutung der Systemintegration: Reader, Kamera und Produktionssoftware müssen nicht nur einzeln funktionieren. Ihre Daten müssen im richtigen Moment miteinander verbunden werden.
Fehlerhafte Karten können automatisch nachproduziert werden
Lässt sich die Automatisierung auch beim Umgang mit Fehlern weiterführen?
Armin Rinas:
Wir haben einen Mode, in dem defekte Karten sofort nachproduziert werden und die Reihenfolge eingehalten werden muss. Das verlangsamt die Maschine aber teilweise recht deutlich.
Eine fehlerhafte Karte kann damit automatisch ausgeschleust und ersetzt werden.
Technisch anspruchsvoll ist dabei nicht allein die Herstellung der Ersatzkarte. Die Anlage muss gleichzeitig sicherstellen, dass die ursprüngliche Reihenfolge der Datensätze erhalten bleibt.
Das kann sowohl Fehler bei der Personalisierung als auch Probleme betreffen, die ein Scanner oder Kamerasystem erkennt.
Wenn die Qualitätskontrolle selbst einen Fehler erkennt, der keiner ist
Auch moderne Kameraprüfung hat Grenzen.
Armin Rinas:
In der Praxis wird bei sortierten Karten teilweise von Hand geprüft, ob diese verwendbar sind. Es kann teilweise auch zu Pseudofehlern kommen oder die Kamera konnte den Code nicht lesen.
Das ist eine interessante Herausforderung für die weitere Automatisierung.
Eine Karte kann technisch korrekt produziert worden sein und trotzdem vom Prüfsystem abgelehnt werden, beispielsweise weil ein optischer Code unter ungünstigen Bedingungen nicht erkannt wurde.
Die nächste Entwicklungsstufe besteht deshalb nicht nur darin, mehr zu prüfen, sondern Prüfungen intelligenter auszuwerten.
Eine vollständig automatisierte Linie muss möglichst zuverlässig unterscheiden können, ob tatsächlich ein Produktionsfehler vorliegt oder lediglich das Prüfsystem an seine Erkennungsgrenze gekommen ist.
Flexible Anlagen müssen unterschiedliche Technologien beherrschen
Können Personalisierungsmaschinen unterschiedliche Verfahren miteinander kombinieren?
Armin Rinas: Ja. Je nach Konfiguration lassen sich verschiedene Ansätze flexibel in einem System zusammenführen.
Dazu gehören RFID und NFC ebenso wie kontaktbehaftete Chips, Magnetstreifen, optische Codes sowie verschiedene Druckverfahren.
Nicht jede Funktion wird bei jedem Auftrag benötigt.
In der Regel kann die Maschine, wenn gewünscht, mehrere Funktionen. Sie werden aber normalerweise nicht alle gleichzeitig durchgeführt. Es liegt an der Ablaufsteuerung der Software, die Reihenfolge einzuhalten.
Damit wird die Software neben den einzelnen Hardwaremodulen zu einem entscheidenden Teil der Maschinenarchitektur.
Sie bestimmt, welcher Produktionsjob welche Station benötigt und in welcher Reihenfolge die einzelnen Bearbeitungsschritte durchgeführt werden.
Die Flexibilität einer Anlage entsteht somit zunehmend durch das Zusammenspiel von modularer Hardware und intelligenter Ablaufsteuerung.
Laserpersonalisierung schafft eine zusätzliche Sicherheitsebene
Wann ist die Laserpersonalisierung die richtige Wahl für eine Karte?
Armin Rinas: Bei besonders hohen Sicherheitsanforderungen spielt die Laserpersonalisierung eine wichtige Rolle.
Der Laser brennt die Daten in die Karte beziehungsweise die Oberfläche. Das kann nicht oder nur mit großem Aufwand manipuliert werden.
Deshalb findet diese Technologie beispielsweise bei Bankkarten und Government Cards Anwendung. Die zusätzliche Sicherheit stellt jedoch höhere Anforderungen an das Kartenmaterial. Rinas nennt unter anderem Polycarbonat sowie entsprechende Overlays oder Additive.
Auch Geschwindigkeit und Kosten unterscheiden sich von anderen Personalisierungsverfahren.
Die Personalisierung ist langsamer als bei DOD. Im Vergleich zum Thermodruck ist sie je nach Auflösung und Datenmenge ähnlich. Dafür ist sie auch teurer als DOD-Druck.
DOD steht für Drop-on-Demand und ist ein digitales Inkjet-Verfahren zur schnellen Personalisierung variabler Daten.
Damit wird deutlich: Unterschiedliche Anwendungen benötigen unterschiedliche technische Konzepte. Eine hochsichere Government Card stellt andere Anforderungen als ein Ticket oder eine einfache Zutrittskarte.
Die Aufgabe des Maschinenentwicklers besteht darin, die passende Kombination aus Sicherheit, Geschwindigkeit, Material und Prüfverfahren bereitzustellen.
Zehn Karten oder 50.000: Der Job muss zuerst eingerichtet werden
Ein weiterer Trend verändert die Anforderungen an Personalisierungsanlagen: kleinere Stückzahlen und stärker individualisierte Produkte. Hier zeigt Rinas auf einen Faktor, der bei reinen Angaben zur Produktionsgeschwindigkeit leicht übersehen wird.
Armin Rinas:
Es muss jeder Job einmal angelegt werden. Wird dieser wieder benötigt, müssen die Daten neu verknüpft werden. Der Aufwand hier ist der gleiche, ob für zehn Karten oder 50.000.
Bei großen Produktionsmengen verteilt sich dieser Aufwand auf viele Karten. Bei kleinen Aufträgen bekommt die Einrichtung des Produktionsjobs ein wesentlich größeres Gewicht.
Damit verändert sich auch die Definition einer leistungsfähigen Personalisierungsanlage.
Nicht nur die Anzahl der Karten pro Stunde zählt. Zunehmend wichtig wird, wie schnell eine Anlage auf neue Datensätze, Kartentypen, Personalisierungsverfahren und kleinere Lose umgestellt werden kann.
Digitale Credentials und sichere Karten entwickeln sich parallel
d-you und die EUDI-Wallet zeigen, wie schnell sich die Welt digitaler Identitäten weiterentwickelt.
Das macht die physische Karte jedoch nicht automatisch zu einer Technologie der Vergangenheit.
Vielmehr steigen auch hier die Anforderungen. Sichere Chips, variable Personalisierung, Laser, optische Kontrolle und automatisierter Datenabgleich entwickeln sich weiter. Gleichzeitig müssen Produktionsanlagen immer flexibler mit verschiedenen Medien und kleineren Losgrößen umgehen können.
Der Blick von Armin Rinas macht dabei deutlich, wie viel Ingenieursarbeit bereits notwendig ist, bevor eine Karte überhaupt beim Nutzer ankommt.
Reader müssen schreiben und prüfen. Kameras müssen die richtigen Informationen erkennen. Druck und elektronische Personalisierung müssen synchron bleiben. Die Software muss jede Karte durch den Prozess verfolgen und auf Fehler reagieren.
Am Ende entscheidet nicht allein die maximale Geschwindigkeit einer Maschine.
Entscheidend ist, dass auch bei hohem Durchsatz jederzeit sichergestellt bleibt, dass der richtige Datensatz der richtigen Karte zugeordnet wird.
Diese eindeutige Verknüpfung von physischem Medium und digitaler Identität ist eine zentrale Grundlage für sichere Identifikationssysteme.
Quellen: